Umgerichtete Aggression bei Katzen – Teil 1 von 2
Warum greifen Katzen plötzlich ihre Artgenossen an? Meine persönliche Geschichte mit Cleo und Polly – und was hinter umgerichteter Aggression steckt.
Manchmal reicht ein einziger Moment, um aus einem eingespielten Katzenteam zwei erbitterte Gegnerinnen zu machen. Genau das erlebte ich mit Cleo und Polly. Damals wusste ich noch nicht, dass dieses Verhalten einen Namen hat – und dass ich damit längst nicht allein war.
Der Moment, in dem plötzlich alles eskalierte
Als Cleo nach ihrer Kastration von der Tierärztin nach Hause kam, erwartete ich eigentlich nur eigenes: eine etwas müde Katze, die sich schnell erholen würde. Ich dachte, dass ich dem kleinen Wurm etwas Gutes tue, wenn sie möglichst schnell wieder zu ihrer Schwester darf, um von ihr getröstet zu werden. Polly hatte das Ganze ja schon hinter sich und hüpfte gut gelaunt durch die Wohnung.
Doch stattdessen passierte etwas völlig anderes, worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war.
Polly sah ihre Schwester und reagierte, als stünde plötzlich eine völlig fremde und bedrohliche Katze vor ihr. Innerhalb von Sekunden flogen bei uns zuhause die Fetzen: Fauchen, Kreischen, Fellknäuel und zwei völlig aufgebrachte Jungkatzen, die sich scheinbar von jetzt auf gleich hassten!
Ich stand daneben und verstand gar nichts mehr. Ich war völlig entsetzt, wie die beiden aufeinander reagierten.
Was war denn bitte gerade passiert?
Und vor allem: Was sollte ich jetzt tun?
Was ich damals nicht wußte: Umgerichtete Aggression bei Katzen
Heute weiß ich, dass diese Situation einen Namen hat – und leider gar nicht so selten vorkommt: umgerichtete Aggression bei Katzen
Dabei richtet eine Katze eine hochgradige aggressive Reaktion gegen ein anderes Tier (oder den Menschen), obwohl dieses nicht der eigentliche Auslöser ihrer Erregung ist.
Ein typisches Beispiel: Eine Katze entdeckt draußen vor dem Fenster eine fremde Katze. Sie erschrickt, fühlt sich bedroht oder gerät massiv unter Spannung. Kann sie den eigentlichen Auslöser nicht erreichen, kann sich diese Erregung gegen ein anderes verfügbares Ziel richten – beispielsweise die Katze, die gerade neben ihr sitzt.
Auch andere Situationen können eine solche Eskalation begünstigen.
- Tierarztbesuch
- plötzliche Angst oder Schmerzen
- ein plötzliches Erschrecken
- ein lauter Knall
- eine fremde Katze vor dem Fenster
Bei Cleo und Polly war der Tierarztbesuch der entscheidende Auslöser. Cleo war nach der Narkose noch nicht ganz sie selbst. Sie roch stark nach allem, was ihr in der Tierarztpraxis begegnet war und wurde von ihrer Schwester nicht mehr erkannt.
Für uns klingt das zunächst unglaublich. Für eine Katze wiederum kann eine solche Veränderung relevant sein. Geruch spielt in der sozialen Kommunikation von Katzen eine zentrale Rolle.
Und dann genügte nur ein einziger Moment – und es eskalierte.
Ein einziges Ereignis kann eine Beziehung verändern
Das Entscheidende an umgerichteter Aggression bei Katzen ist: Für die angegriffene Katze ist diese Attacke sehr real – sie fühlt sich massiv bedroht und wird nicht selten bei der Auseinandersetzung verletzt.
Sie weiß nicht: „Ach, Polly ist gerade nur wegen eines anderen Reizes völlig überdreht.“
Sie erlebt schlicht: Diese Katze greift mich an.
Selbstverstänldich merkt sich das angegriffene Tier diese völlig unvorbereitete Attacke sehr gut…
Bei Cleo und Polly war genau das passiert. Polly konnte den veränderten Geruch und das etwas merkwürdige Aussehen ihrer Schwester nicht einrodnen. Für sie stand ganz plötzlich eine fremde, merkwürdig anmutende Katze in ihrem Revier.
Die Situation eskalierte so schnelll, dass ich kaum reagieren konnte. Und ehrlich gesagt, wusste ich damals auch überhaupt nicht, WIE ich angemessen reagieren könnte.
Willommen im Rabbit Hole der Katzenforen
Die Situation besserte sich nicht. Wir warteten zunächst etwa eine halbe Stunde bis zur nächsten Begegnung, dann einen Tag – und schließlich mussten wir feststellen: sobald die beiden sich sahen, flogen sofort wieder die Fetzen. Es wurde geknurrt, gefaucht, geschrieen – es war furchtbar!
Ich begann verzweifelt nach Antworten zu suchen:
- bei der Tierärztin (die meinte, ich solle die Katzen mit Vanillecreme bestreichen, damit sie sich putzen und das würde unbedrohlich wirken)
- im Internet und zahlreichen Katzenforen (da war so ziemlich alles dabei von „einfach machen lassen“ bis hin zu „eine muss weg“)
- bei Bekannten usw.
Ich bekam eine Flut an Tipps und Tricks, die angeblich alle funktionieren würden. Viele davon klangen plausibel. Manche wirkten absurd.
Doch in meiner Verzweiflung war ich bereit, fast alles zu versuchen.
Was passiert, wenn gut gemeinte Tipps die Situation verschlimmern?
Genau darum geht es im nächsten Artikel. Denn ich habe damals nicht nur sinnvolle Dinge ausprobiert. Ich habe aus Verzweiflung auch Empfehlungen umgesetzt, die ich heute fachlich ganz anders bewerten würde.
Und irgendwann landete ich bei einer Verhaltensberaterin. Ich war froh, endlich jemanden gefunden zu haben, die sich mit dem Thema auskannte.
Doch die Methode, die sie empfahl, macht die Situation noch schlimmer – und ist aus meiner heutigen Sicht tierschutzrelevant.
Und ja: Ich habe sie ausprobiert.
Nicht lange. Aber lange genug, um heute sehr genau zu wissen, warum ich sie niemals empfehlen würde.
👉 Im nächsten Artikel geht es um gut gemeinte Ratschläge, fragwürdige Methoden und die Frage, woran du erkennst, ob eine Empfehlung bei umgerichteter Aggression wirklich sinnvoll ist.
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