Umgerichtete Aggression bei Katzen – Teil 2 von 2
Wenn Katzen sich plötzlich bekämpfen, ist guter Rat gefragt. Doch nicht jeder Tipp aus Internetforen, von Bekannten oder sogar aus Fachkreisen hilft weiter.
Manchmal können sie sogar mehr schaden als nutzen.
„Die müssen das unter sich ausmachen!“
Diesen Satz kennen vermutlich sehr viele Menschen mit Katzen. Mir begegnet er regelmäßig in meinen Beratungen, und jedes Mal sträuben sich mir die Haare zu Berge.
Wenn zwei Katzen, die sich gestern noch friedlich das Sofa miteinander geteilt haben, plötzlich aufeinander losgehen, klingt der Satz zunächst sogar verlockend und einfach. Vielleicht müssen die beiden einfach einmal klären, wer hier das Sagen hat?!
Genau hier beginnt eines der größten Missverständnisse rund um Konflikte zwischen Katzen.
Als Cleo und Polly sich nach Cleos Kastration plötzlich bekämpften, wusste ich davon noch nichts. Ich wusste nur: Die beiden müssen sich irgendwie wieder vertragen. Und zwar möglichst schnell.
Also probierte ich aus, was mir andere empfahlen – auch das „Machen lassen“.
Heute weiß ich: Einige dieser Versuche hätten wir uns nicht nur besser gespart. Sie machten die Situation nachhaltig viel schlimmer.
Warum „einfach machen lassen“ keine gute Idee ist
Katzen müssen Konflikte nicht zwingend körperlich austragen, um ihre Beziehung zu klären.
Im Gegenteil: Eine heftige Auseinandersetzung kann eine bereits angespannte Situation weiter aufladen. Vor allem dann, wenn eine Katze die andere tatsächlich als Bedrohnung erlebt.
Leider haben zudem die wenigsten Katzen so viel innerartliche Sozialkompetenz erworben, um einen Konflikt tatsächlich zu klären. In den meisten Fällen schaukelt sich eine Auseinanderetzung vielmehr weiter auf, bis die Beziehung völlig in die Brüche geht. Der „Waffenstillstand“ begrenzt sich dann meist darauf, dass eine der beiden Katzen möglichst wenig Angriffspunkte bietet. Sie spielt weniger, schläft dafür häufiger, verhält sich insgesamt möglichst ruhig und unauffällig.
Bei einer umgerichteten Aggression kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Die Aggression hat ihren Ursprung meist gar nicht in der Beziehung zwischen den beiden Katzen. Sie entsteht aus einem Missverständnis.
Eine Katze kann beispielsweise durch einen starken Außenreiz massiv erregt werden. Sie sieht etwa eine fremde Katze am Fenster, erschrickt, hat (plötzlich) Schmerzen oder erlebt eine andere stark belastende Situation. Ist der eigentlich Auslöser nicht erreichbar, kann sich die Reaktion gegen die Katze richten, die gerade in Reichweite ist.
Ist die Attacke vorbei, ist damit jedoch nicht auch die emotionale Ausnahmesituation beendet. Die angegriffene Katze hat gerade erlebt, dass ihre bisher vertraute Sozialpartnerin sie angegriffen hat. Das brennt sich meist tief in das Gedächtnis ein und erschüttert das Vertrauen in die Mitkatze erheblich.
Was für uns wie ein einzelner Streit aussieht, kann für die beteiligten Katzen der Beginn einer völlig neuen Beziehungserfahrung sein und verletzt das Vertrauen zueinander nachhaltig.
Daher ist der Rat „unter sich klären lassen“ kein bewährter Tipp, sondern ein großes Risiko einer deutlichen Verschlimmerung.
Warum „Die müssen sich wieder aneinander gewöhnen“ mehr ist als abwarten
Das klingt zunächst logisch, passiert in der Praxis aber meist nicht von allein. Denn Gewöhnung setzt voraus, dass eine Katze die Situation überhaupt verarbeiten und als „beendet“ ansehen kann.
Stell dir vor, du würdest dich vor etwas massiv erschrecken oder jemand hätte dich körperlich stark verletzt. Nun bringt dich jemand immer wieder in diese Situation – ohne weitere Begleitung, ohne Unterstützung. Du sollst dich einfach daran gewöhnen.
Deine Begeistern bliebe vermutlich überschaubar – das Lernziel weitgehend unerreichbar. Sind starke, negative Emotionen im Spiel, fällt eine einfach Gewöhnung schwer und ist in vielen Fällen nicht möglich.
Bei Katzen ist es ähnlich. Reagieren zwei Tiere bereits beim Anblick des anderen mit Fauchen, Knurren oder gar einem direkten Angriff, kann eine direkte Konfrontation die emotionale Erregung zum Explodieren bringen. Der Weg zurück zu einem freundlichen Miteinander muss dann sorgfältig und kleinschrittig aufgebaut werden. Verlorenes Vertrauen kommt nicht automatisch zurück – es muss aufgebaut werden.
Häufig beginnt dieser Weg nicht mit einer direkten Begegnung, und schon gar keiner langen. Es ist ein kleinschrittiger Weg, den wir begleiten und supporten müssen.
Warum „zusammenbringen und abwarten“ meist problematisch ist
Genau dieses Konzept hatte ich damals mit Cleo und Polly versucht. Wir trennten sie und warteten ab. Wir brachten sie zusammen und: Fauchen, Knurren, Kreischen… und von vorn. Ich dachte, wir müssten vielleicht den richtigen Zeitpunkt erwischen oder es einfach nur oft genug probieren.
Heute weiß ich: Der richtige Zeitpunkt und einfach abwarten ist nicht das richtige Konzept.
Entscheidend ist die Gestaltung der Begegnung. Sind die Katzen noch ansprechbar? Können sie sich entspannen? Wieviel Abstand benötigen sie? Was löst erste Anzeichen von Anspannung aus? Wie lange können sie sich aktuell begegnen?
Und vor allem: Wie können sie wieder positive Erfahrungen miteinander erleben, ohne das eine von beiden über ihre Belastungsgrenze gerät?
Die Sache mit der Vanillecreme…
Ja, die gab es wirklich. Meine damalige Tierärztin riet uns, die Katzen mit Vanillecreme einzureibven. Die Idee dahinter: Die Katzen würden sich dann zwangsläufig sauber putzen. Putzen wiederum ist ein sogenanntes „Komfortverhalten“, was der anderen Katzen Wohlfühlen signalisiert. In einer anderen Variante sollte man die Katzen mit Thunfisch statt Vanillecreme bestreichen.
Ich war damals verzweifelt genug, um auch das auszuprobieren und bin froh, nur eine kleine Menge Creme verwendet zu haben. Ist die emotionale Schieflage groß genug, kann eine Katze erstaunlich lange mit Vanillecreme in ihrem Plüschpelz das Wohnzimmer unsicher machen. Eine nötige Grundrenovierung im Anschluss ist garantiert – Katzenharmonie weniger…
Das Problem mit gut gemeinten Tipps
Es ist ganz normal, dass wir bei Problemen empfänglich für gut gemeinte Tipps und vermeintlich funktionierende Erfahrungen sind. Das eigentlich Schwierige an solchen Empfehlungen ist nicht einmal, dass sie abstrus klingen.
Es ist, dass sie häufig einen kleinen wahren Kern enthalten – aber nicht zu der individuellen Situation passen und sich meist nicht am natürlichen Katzenverhalten orientieren.
Ja, Geruch ists für Katzen wichtig. Komfortverhalten ist ein beruhigendes Signal an die Mitkatze.
Ja, eine Wiederannäherung kann funktionieren – und manchmal erleben Katzen auch nach einer umgerichteten Aggression eine „spontane Erholung“.
Aber zwischen diesen Erkenntnissen und einer sinnvollen Vorgehensweise liegen im jeweiligen Fall wichtige Zwischenschritte und Anpassungen an genau diese beiden Katzen, die gerade den Konflikt erleben.
Genau deshalb ist es so gefährlich, sich bei einer akuten, kritischen Situation einfach zehn verschiedene Tipps aus verschiedenen Quellen zusammenzusuchen und daraus einen eigenen Therapieplan zu basteln.
Ich weiß das nicht nur theoretisch.
Ich habe es ja selbst gemacht – und bin gescheitert.
Mein Scheitern hat meinen Mädchen wahrscheinlich eine stabile, harmonische Beziehung gekostet. Etwas, das ich bis zu ihrem Tod bereut habe und was mich antreibt, anderen Katzenmenschen in ähnlichen Situationen zu helfen, damit ihnen nicht das Gleiche passiert wie es mir bzw. uns passiert ist.
Der Ratschlag, den ich heute besonders kritisch sehe
Irgendwann fand ich tatsächlich eine Verhaltensberaterin. Damals wußte ich nicht, dass es „sowas“ überhaupt gibt und war so froh, dass sich endlich jemand mit meinem Problem auskennt und helfen kann.
Ich war total erleichtert und war gutgläubig genug, ihrer Methode zu folgen. Eine Methode, die noch heute manchmal praktiziert wird und die ich heute aus fachlicher und tierschutzfachlicher Sicht ablehne.
Die Idee dahinter war, die Katzen gezielt in engstem Raum so lange miteinander zu konfrontieren, bis sie ihren Streit vollständig beigelegt haben. Der erste Vorschlag: Beide Katzen in ihren Transportboxen, nah zueinanderstellen und abwarten bis keine mehr auf die andere reagiert. Das lehnte ich – zum Glück – auch damals ab.
Die vermeintlich mildere Variante: In einem Raum separieren, sie dort allein lassen und so lange warten, bis sie nicht mehr aufeinander reagieren würden.
Wir probierten es.
Nicht lange.
Aber wir probierten es.
Cleo war schließlich so verzweifelt, dass sie sich durch den Abluftschacht unseres Kachelofens aus dem Zimmer rettete, zwischen Kachelofen und Gitter im Flur saß und verzweifelt maunzte. Dieses Maunzen hat sich tief in meine Seele eingebrannt mit dem Versprechen, nie wieder etwas aus Verzweiflung zu probieren, ohne hinterfragt zu haben, ob es wirklich sinnvoll ist – auch nicht auf den Rat einer Expertin oder eines Fachmanns. Nie wieder.
Wenn du gerade zwei Katzen zuhause hast, die sich scheinbar gegenseitig umbringen wollen, ist deine Bertischaft, nach jedem Strohhalb zu greifen, manchmal größer als dein gesunder Menschenverstand.
Wir haben dieses „Experiment“ sofort abgebrochen – ebenso den Kontakt zu der „Expertin“.
Genau diese Erfahrung hat mich nicht nur zu meinem heutigen Beruf gebracht, sondern prägt noch heute meine tägliche Arbeit. Ich wollte nicht mehr nur wissen, was funktioniert. Ich wollte verstehen: Warum kann es funktionieren – oder eben auch nicht? Ebenso wichtig: Für wen funktioniert dieser Weg?
Manchmal ist ein Ansatz gut, aber für die persönliche Situation unpassend. Und manchmal ist eine Methode nie empfehlenswert – und sollte gar nicht erst probiert werden.
Was stattdessen wichtig ist bei umgerichteter Aggression bei Katzen
Bei einer umgerichteten Aggression geht es nicht darum, die Katzen möglichst schnell wieder zusammenzubringen. Häufig ist genau das ein entscheidender Fehler, denn die Katzen sind noch viel zu aufgeregt für einen neuen Kontakt.
Im ersten Schritt geht es darum, ihnen wieder Sicherheit zu ermöglichen. Dafür braucht es zunächst einen Blick auf die gesamte Situation:
1. Was hat die Aggression ausgelöst?
Nicht immer gelingt es uns, diese Frage sicher zu beantworten, denn manche Auseinandersetzungen entstehen, während wir nicht dabei sind. Trotzdem lohnt sich die Ursachenforschung:
🐾 Was ist unmittelbar vor der Attacke passiert?
🐾 Seid ihr vom Tierarztbesuch zurückgekommen?
🐾 War eine fremde Katze draußen vor dem Fenster?
🐾 Gab es einen lauten Knall?
🐾 Könnte sich eine Katze plötzlich verletzt haben?
Herauszufinden, wie das Missverständnis entstanden ist, kann dir wichtige Hinweise für den weiteren Umgang damit geben.
2. Wie stark ist die aktuelle Reaktion aufeinander?
Nicht jede umgerichtete Aggression hat schwerwiegende Folgen. Insbesondere bei einer zuvor sehr harmonischen, gefestigten Beziehung kann der Spuk vorbei sein, wenn beide Tiere sich erst einmal wieder beruhigen kkonnten.
Ein kurzes Fauchen oder eine erhobene Pfote sind katzentypische Warnhinweise und ein Zeichen für eine eher vorsichtige Annäherung. Sie lassen Raum für Kommunikation und Gestaltung.
Zwei Katzen, die sich beim Anblick des anderen sofort versteifen, nicht mehr ansprechbar sind oder sogar sofort aufeinander losstürmen, benötigen hingegen eine deutlich umsichtigere und kleinschrittige Unterstützung von dir.
Eure Ausgangssituation bestimmt den nächsten Schritt.
3. Wie viel Distanz brauchen die Katzen?
In den meisten Fällen haben wir Menschen das Bedürfnis, möglichst schnell wieder Nähe zwischen den Tieren herzustellen.
Die Katzen wiederum benötigen oft genau das Gegenteil. Um sich sicher zu fühlen, benötigen sie ausreichend Abstand. Ihre Kommuniation ist auf weite Entfernungen ausgerichtet. Sie kommunizieren subtil über Ohren, Schwanz, Fell und vielem mehr.
Zu viel Nähe macht unsicher, fühlt sich ungeschützt an – und verringert auch deine Möglichkeiten, einen Kontakt positiv zu begleiten.
Zu Beginn ist es oft sogar die maximale Distanz, die in deiner Wohnung möglich ist, dass die Katzen einander beobachten und einschätzen können.
Wichtig: Achte darauf, keine freie Fläche wie bei einem Duell in einem Western zu schaffen. Distanz fühlt sich für Katzen nur dann sicher an, wenn der Weg zwischen den Tieren mit kleineren Sichtunterbrechungen ausgestattet ist. Ein kleiner Karton hier, eine buschige Pflanze dort. Ist der Weg zwischen den Katzen mit kleinen Sichtschutzelementen unterbrochen, kann man sich dahinter verstecken und schauen, was der Artgenosse gerade macht und traut sich vielleicht sogar noch ein Stück näher.
4. Wie kannst du positive Erfahrungen schaffen?
Hast du eine Distanz gefunden, die für beide Katzen ok ist – das heißt, sie sind weiterhin ansprechbar, fixieren einander nicht und können ihre Umgebung weiterhin wahrnehmen, ist das erste Etappenziel erreicht. Nun gilt es, sie darin zu unterstützen, wieder einander zu vertrauen und Positives miteinander zu verbinden.
Das nächste Ziel ist also: Die Anwesenheit der anderen Katze soll wieder etwas werden, das sich sicher anfühlt und idealerweise als positiv empfunden wird.
Wie genau dieser Weg aussieht, hängt wiederum von der jeweiligen Situation ab.
Und wenn schon mehrfach gestritten wurde?
Auch dann ist es – wahrscheinlich – noch nicht zu spät. Das ist die vielleicht wichtigste Nachricht dieses Artikels.
Auch wenn deine Katzen sich bereits mehrfach bekämpft haben, muss das nicht bedeuten, dass ihre Beziehung für immer zerstört ist. Gleichzeitig solltest du einen eskalierten Konflikt ernst nehmen. Denn je häufiger Katzen in hochgradig erregtem Zustand aufeinander treffen, desto mehr Gelegenheit haben sie, diese Erfahrung nachhaltig zu erinnern. „Immer wenn ich die sehe, bekomme ich eine auf den Pelz. Na, die vermeide ich doch lieber direkt…“
Deshalb gilt:
Bleib ruhig – aber warte nicht nur ab!
Trenne die Katzen zunächst erneut – sofern noch nicht geschehen, und verschaffe dir einen Überblick über die Situation.
🐾 An welchem Punkt sind die beiden wieder aneinander geraten?
🐾 Hatten sie zuvor ausreichend Zeit, sich zu beruhigen?
🐾 Waren sie ausgeschlafen, gesättigt und konnten vorher ein bisschen Energie abbauen?
🐾 Wie weit entfernt waren sie voneinander und gab es zwischen ihnen ein paar Schutzinseln?
🐾 Sind beide Katzen wirklich gesund?
Wenn du gerade mittendrin steckst, musst du dich auch nicht erst drei Tage lang durch 47 Katzenforen durchlesen, bevor du den nächsten sinnvoll klingenden Tipp umsetzt. Genau aus diesem Grund habe ich nämlich mittlerweile meinen Onlinekurs „Catfight – Wenn’s kracht im Katzenwohnzimmer“ entwickelt. Er liefert dir fundierte, sofort umsetzbare Handlungsempfehlungen, viele Videos und einen Schritt-für-Schritt-Plan, den du jederzeit eigenständig beginnen kannst. Ganz ohne Vanillecreme und Hokuspokus.
Diese eine Sache wollte ich damals unbedingt noch herausfinden
Eine Frage hat mich jahrelang beschäftigt: Warum hatte eigentlich ausgerechnet eine einzige Kastration gereicht, um meine beiden Wurfschwestern derart auseinanderzubringen? Warum konnten sie sich danach nicht einfach wieder vertragen, obwohl sie doch gemeinsam aufgewachsen waren?
Die Antwort darauf führte mich zu einer Erkenntnis, die meine Sicht auf Mehrkatzenhaushalte bis heute nachhaltig verändert hat.
Polly und Cleo waren Schwestern aus einem Wurf. Damals war ich überzeugt: Geschwistern – vor allem gleichgeschlechtliche – verstehen sich ganz automatisch.
Tja, das war einer meiner größten Denkfehler, den heute noch ganz viele Katzenmenschen ebenfalls machen.
👉 Im nächsten Artikel geht es um eine Frage, die viel früher beginnt als der eigentlich Katzenstreit: Wie gut passen zwei Katzen eigentlich wirklich zusammen – und warum ist „Sie sind Geschwister“ kein Garant für ein harmonisches Zusammenleben?
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